"Laß den alten Benz hier, verkauf die Kiste". Diese Worte meines Vaters habe ich noch gut im Ohr. Aber ich hatte mir nun mal in den Kopf gesetzt den
Wagen nicht nur zu behalten, sondern ihn auch mit in meine neue Heimat Südafrika, genauer gesagt Kapstadt mitzunehmen. Und dies sollte mir auch gelingen. Aber der Reihe nach. Eines Abends im April "99 rief mein Schwager aus
Kapstadt an. Jetzt würde es endlich klappen, ich würde meine Arbeitserlaubnis für Südafrika bekommen. Nun
wurde es also wirklich Ernst, meine fixe Idee, zumindest für
einige Jahre ans Land am Kap zu gehen nahm Gestalt an. Im September desselben Jahres sollte ich einen Job im Filmbusiness ( Für mich etwas völlig Neues) bekommen.
Ein großer Schritt alles in der Heimat aufzugeben, und zuweilen hatte ich schon Zweifel an meiner
Entscheidung, aber es gab jetzt keine rück mehr. Die folgenden Monate verliefen noch recht normal und ich genoß den einigermaßen passablen Sommer in vollen Zügen. Ab Mitte Juli begann dann die heiße Phase. Die meiste
Arbeit nahm natürlich der Auszug aus meiner Wohnung in Anspruch. Glücklicherweise hatte ich mehrere dienstbare Geister zur Hand, allen voran mein Bruder, der mir bei der leider notwendigen Teilrenovierung der
Wohnung (8 Jahre lang Partyleben forderten ihren Tribut) beistand. Dann mußten Kisten gepackt werden. 4 Holzkisten a ein viertel Kubikmeter sollten mich zunächst auf die Reise begleiten. Zum großen Unverständnis
meiner Mutter befanden sich in den Kisten vornehmlich Teile meiner Stereoa
nlage. Für Klamotten und Wäsche
blieb da kaum mehr Platz. Aber so was ist ja auch nicht so wichtig.
Am 13.8. war dann mein Flug. War kein leichter Tag. Ich
hasse Abschiednehme n und hier stand schon ein recht großer Abschied an. Nun denn, wie auch immer, Tags drauf befand ich mich in einer neuen Welt. Zwar war ich zuvor bereits häufiger in Kapstadt gewesen, aber diesmal war es etwas anderes.
Ich bin nicht hier um Urlaub zu machen und meine Schwester zu besuchen, die wohnt nämlich auch hier, sondern um zu arbeiten. Die erste Zeit war für mich nicht einfach. Besonders meine nicht
übertrieben guten Englischkenntnisse brachten mich manchmal an den Rand der Verzweiflung. Aber mit der Zeit gab sich auch dieses Problem.
Natürlich interessierten mich als Oldiefan die alten Autos, insbesondere die alten Benz. Und davon fahren hier reichlich durch die Gegend. /8 er ,108er, 116er sieht man hier noch sehr häufig rumkutschieren. Meist sind die Wagen aber in einem erbärmlichen Zustand. Aber sie fahren halt, und das ist die Hauptsache. Und es spricht wahrlich für die Qualität der alten Benz, daß sie noch immer tapfer im Alltag ihren Dienst versehen. Eine TÜV gibt es hier nicht; lediglich beim Verkauf muß ein Wagen mehr oder weniger getestet werden. Dementsprechend sehen hier einige Wagen aus. Einige qualmen wie Dampflokomotiven, andere sind dermaßen verrostet, daß man sich wundert, daß diese Wagen nicht in der nächsten Kurve auseinanderbrechen. Ach ja,. interessant ist auch, daß selbst Neuwagen hier keinen Katalysator haben. Lediglich große BMW oder Mercedes werden damit ausgerüstet. Aber in einigen Jahren sollen alle Neuwagen vom Gesetz her mit Kat ausgestattet sein. Vorerst wird die Luft in Kapstadt, wenn der "South Easter" mal länger auf sich warten läßt - der sogenannte Cape doctor"- recht miefig bleiben..
Die Cabrios, Pagode und 107er, stehen naturgemäß
etwas besser da. Obwohl auch diese Wagen meist noch nicht so wie in Deutschland gepflegt werden. Für mich als /8 Coupefahrer war natürlich vor allem interessant, diese Wagen zu sehen. Und siehe da, viele gab es da nicht. Wenn es
hoch kommt, so habe ich im vergangenen Jahr vielleicht 6 verschieden Coupés gesehen. Alle zwar besser gepflegt als /8 Limousinen, aber beileibe nicht perfekt. In
Deutschland würde man sagen, bestenfalls Zustand 4+. Die Sonne setzt hier den alten Wagen stark zu. Lack und Kunststoffe reagieren unwirsch auf pausenlose Rösterei. Rost ist gar nicht mal so das Hauptproblem, obwohl
natürlich gerade hier in Kapstadt die salzhaltige Seeluft den Wagen zusetzt.
Im Oktober wurde dann mein Coupé auf die Reise geschickt. Ein 20 Fuss Container war für 3 Wochen die Garage für den alten /8. Mitsamt meines gesamten Hab und Guts, was offensichtlich soviel gar nicht war, ging´s auf große Fahrt an die Südspitze Afrikas. Probleme mit Zoll etc. wurden elegant mittels "Carnet de Passage", wie es so schön heißt, umgangen. Über den ADAC besteht die Möglichkeit ein solches Carnet zu beantragen und den Wagen dann im Ausland mit deutschem Kennzeichen zu fahren. Ein Carnet ist für ein Jahr gültig, kann jedoch um ein weiters Jahr verlängert werden. Sehr praktische Sache und vor allem günstig. Ich muß den Wagen hier weder anmelden, noch versichern. (Letzteres ist generell freiwillig in Südafrika; eine Haftpflicht gibt es nicht. Man sollte Unfälle also tunlichst vermeiden.)
Nachdem mein Vater zunächst so gegen den Export des Wagens war, hat er mir letztlich sogar sehr geholfen, indem er den Papierkram erledigte und den Container auf den Weg schickte.
Anfang November war es dann soweit, der Container war im
hiesigen Hafen angekommen. Der ersten Fahrt meines alten Benz stand nur noch die Entladung im Weg. Praktischerweise konnte ich den Wagen an einem Samstag in Empfang nehmen, wodurch ich Zeit für eine ausgiebige Spritztour bekam. Natürlich
ging es gleich auf die Strecke, den "Chapmans Peak Drive". Eine herrliche Straße entlang der Westküste. (Der Capman´s Peak ist heute übrigens nur bis zur Hälfte befahrbar. Aufgrund von Steinschlaggefahr wurde
die Strecke gesperrt. Die Sicherungsarbeiten werden wohl leider einige Zeit, 1-2 Jahre, in Anspruch nehmen.
Wie dem auch sei, die erste Ausfahrt mit dem eigenen alten Benz verlief Steinschlagfrei und war der Beginn von vielen Ausfahrten rund um Kapstadt. Den Service an meinem Wagen übernimmt die "Golden Rule Garage", ein Mercedes Spezialist, welcher Benz-Qualität zu annehmbaren Preisen liefert.
Mittlerweile bin ich fast ein Jahr hier und ich habe mich recht gut eingelebt. Meinen Schritt hierhergegangen zu sein, sehe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Beruflich klappt alles sehr gut und auch die weiteren Aussichten sind passabel, privat ging allerdings einiges in die Binsen.
thorsten wagner
