Gebaut für die Ewigkeit
Für viele gelten die USA als das ideale Land, wenn es um den Erwerb eines ansehnlichen und rostfreien Alt-Daimler geht. Und tatsächliche haben ja schon einige den Weg zurück in unsere Gefilde angetreten, in meiner Garage (und in Kisten im halben Haus verteilt) steht zum Beispiel die transatlantische Flosse, von der ja schon berichtet wurde. Eigentlich rostfrei ist die ja nicht, aber das ist eine andere Geschichte.
Ein wirklich rostfreier Benz lief mir diesen Sommer in einer besonders seltenen Ausführung eines W 123 lang über den Weg, den ich aber aus mehreren Gründen in den Staaten lassen mußte. Zum einen möchte der Besitzer sich im wörtlichen Sinne nicht für die "Ewigkeit" von seinem Wagen trennen, zum anderen stellten fast 40 Tonnen Leergewicht und eine gewisse Immobiltät auch den ambitioniertesten Exporteur vor schwer lösbare Probleme.
"Only in America...", das mag wohl gelten für die Entstehung dieses Modells. Zum einen spielte eine gewisse Autovernarrtheit der Amerikaner, die auch vor grotesken Auswüchsen nicht halt macht, in der Enstehung dieses Autos eine Rolle, zum anderen eine Friedhofsordnung, die auch in einem lebensgroßen Automobil aus Stein kein Problem sieht.
Die Familie des seligen Ray Tse, einem reichen Geschäftsmann aus New York, wollte 1982 ihrem verstorbenen, steinreichen Familienoberhaupt ein unverwechselbares Grabmal setzen.
Die "Rock of Ages Corporation" in Barre, Vermont, erhielt nach seinem Dahinscheiden den Auftrag, sein Lieblingsauto im Maßstab 1 : 1 aus feinstem Vermonter Granit zu schlagen. Über 60 Tonnen wog der Block, der aufgrund seiner gleichmäßigen Maserung ausgesucht wurde. Fast ein halbes Jahr war ein Steinmetz mit den Arbeiten beschäftigt. Er übertrug von einem originalen Fahrzeug, das ihm ein Händler während der Zeit zur Verfügung stellte, alle Details originalgetreu auf den Grabstein, inklusive der Scheibenwischer, des Reifenprofils und der Wagenheberaufnahmen. Nur den Außenspiegel und den Stern ließ er aus Angst vor Vandalismusschäden weg.
Auch bei der Farbe ging er einen Kompromiss ein, man kann den Ton am besten mit "Granit sprenkel" beschreiben.
Das fertige Werk steht heute auf dem Friedhof von Rosedale in New Jersey. Für diejenigen, die bei ihrem nächsten USA-Urlaub diese Sehenswürdigkeit besuchen wollen, hier die Wegbeschreibung:
Vom Flughafen Newark auf die US 1 in südlicher Richtung fahren. Durch die Stadt Elizabeth durch, nach insgesamt ca. 8 km Wegstrecke kommt links eine große chemische Fabrik, nach etwa einem halben Kilometer steht rechts ein Schild "Rosedale" in einem Friedhof. Vor dem Friedhof rechts in die kleine Straße rein, dem Zaun folgen und bei der ersten Möglichkeit in den Friedhof einfahren. Und nicht vergessen: Es ist ein Grabstein, also bitte bloß nicht auf die Idee kommen, sich mit einem Stück Leder und einem Blechtreibhammer Reparaturbleche für zu Hause zu klopfen.
eberhard weilke