Ach ja, die 124er... Jetzt sind sie auch schon 20 Jahre alt, es gibt ein sehr, sehr gutes Forum dazu, das der Fred betreut http://www.f22.parsimony.net/forum43054/index.htm, Christian Martens hat mit http://w124archiv.de eine sehr gute Seite zu dem Auto erstellt (in dessen Werkzeugkiste dieser Beitrag dann auch gespiegelt wird) und aktuell hat sich eine Interessengemeinschaft für den W 124 gebildet. Auch wenn viele von uns den W 124 noch als Alltagswagen fahren, hey, die Baureihe ist jetzt wirklich auf dem Sprung zum Status des Klassikers. Zur Zeit der Entwicklung des W 124 war ja die Hauptverwaltung von Mercedes Benz noch nicht in Bad Möhringen sondern unten im Tal in Untertürkheim und das merkt man dem Wagen noch an. Als er entwickelt wurde, hatte der Vorstand noch Kontakt zum Produkt und zur Fertigung und residierte nicht schwebend gegenüber eines Spielkasinos...Der W 124 verkörpert ja wirklich noch alte Mercedestugenden: Mechanische Nehmerqualität, aufwendige Konstruktion auch im Detail, es gab kein "Elegance-Paket", dafür unendliche Aufpreislisten für jeden Scherz...
Aber auch die härteste Technik mag mal nicht mehr und genau das ist uns auf dem Weg von Vorarlberg Richtung Stuttgart passiert. Es rumorte nicht nur etwas, es rumpelte richtig. Die Worte von Markus Trompka im Ohr "neumodisches Gelumpe, das Hinterrad geht Dir gleich verloren" haben wir dann doch einen Stammtischkollegen angerufen, der uns mit dem Trailer aufgegabelt hat. Nur um Markus zu ärgern, haben wir das neumodische Gelumpe dem Markus vor die Werkstatt gestellt, auf dass wir die Achse wieder heile machen 
Die Lager selbst sind erstaunlich preiswert (so ca. 45 Euro pro Seite), den Einbau kann man mit ca. 3 Stunden pro Seite veranschlagen. Also, los gehts.
Aufbocken, Räder runter, das ist noch Standard. Die Antriebswellen sind beim W 124 zweigeteilt, wir schrauben sie am Flansch am Hinterachsmittelstück jeweils ab. Hier kommt gleich die erste Komplikation: Das können Vielzahnschrauben sein, Inbus oder normaler Sechskant, je nachdem, was gerade so aus der Schraubenkiste kam.

Die Antriebswelle wird in der Nabe durch eine 32-Schraube gehalten, deren Sicherung wir erst aufmeißeln müssen. Zum Lösen bedarf es eines längeren Hebel, das hier ist kein Scherz.

Aber obacht: Im Gegensatz zu den Vorgängerbauarten muss der Wagen aufgebockt sein, da die festgeschraubte Antriebswelle auch die Radnabe sichert. Wenn man ohne Antriebswelle die Achse belastet, fällt das Rad tatsächlich unter Umständen raus...

Wenn Bremsscheibe und Bremssattel demontiert sind, kann man ganz gut spüren, dass das Lager es hinter sich hat. Ach ja, damit die hinteren Bremsscheiben gut runtergehen, den Zug der Feststellbremse in der Mitte entspannen (und später nicht vergessen wieder anzuziehen
)
Die Schraube ist runter, mit einem Durchschlag (hier simuliert durch eine kurze Verlängerung der Knarre) drücken wir die Antriebswelle durch. Jetzt sollte jemand auf der anderen Seite stehen, der die Welle hält und rauszieht, ohne sie runterzuwerfen. Ich höre schon die Zweifler, die uns das Schänden der Bremsschläuche vorwerfen... Jaja, die gehören an Haken irgendwo festgehakt... Andererseits, wenn man die Bremssättel vorsichtig abhängt, dann passiert da auch nix. Wenn der Schlauch jetzt Risse zeigen würde, dann hätte ich eh nicht mehr damit fahren wollen...

So ein Zughammer ist eine feine Sache, um die Nabe rauszuprügeln. Für den Heimgebrauch würde ich eine Schrottfelge anschrauben und mit dem Fäustel rundherum klopfen.
Jetzt ist die Nabe draussen
Mit einer Pratze und dem dicken Abzieher ziehen wir den Lagersitz von der Nabe.

Das sind die Reste des Doppelrillenkugellagers. Naja, normalerweise kennt man sowas aus dem Motorradbau und wer es sich mal genauer anschaut, wird Abstand nehmen von Distanzscheiben und Breitreifen und so Scherzen...
Nachdem die Kunststoffkäfige mit den Kugeln rausgeprokelt sind, kommt Kriechöl auf den Spalt zwischen Lager und Achsschenkel.
Die Lager sind nach den Jahren gerne festgerottet und wenn sie nicht mit Abzieher, Durchschlag oder Besprechen rauswollen, muss man mit dem Druckluftschleifer und einer kleinen Scheibe das Material so weit schwächen, dass sie den Weg nach draussen finden. Mit dem Schleifer natürlich so schleifen, dass man den Achsschenkel nicht verletzt...

Jetzt wäre der Zeitpunkt, das Spezialwerkzeug von Mercedes einzusetzen... Wir haben uns entsprechende Nussen gesucht, die wir von innen gegen den Lagersitz keilten, von aussen kam ein etwas gewagtes Konstrukt, mit dem wir den Abzieher auf dem Achsschenkel abstützen konnten.
Kriechöl drauf und weiter im Takt.
So langsam kommt der Lagersitz zum Vorschein.
Den Lagersitz legen wir zur Seite, wir brauche ihn später zum Reinziehen des neuen Lagers. Erstmal wird aber im Achsschenkel alles piccobello sauber gemacht, vor allem der hintere Anschlag, gegen den dann das neue Lager gezogen wird. Mit der Heißluftpistole erwärmen wir den Achsschenkel, damit das Lager besser flutscht.

Das ist das neue Lager. Markus scheint nicht nur etwas müde, er ist es auch 
Es ist wichtig, dass das Lager präzise und ohne Verkanten eingezogen wird.
Wenn das Lager flach drin ist, nehmen wir den alten Lagersitz und pressen das neue Lager bis auf Block in den Achsschenkel
Immer rein damit. Ist das Lager richtig drin, schieben wir die Antriebswelle wieder durch, schrauben sie am Flansch des Hinterachsmittelstücks fest und drehen die 32er Mutter, die neu im Radlagersatz beilag, sehr, sehr fest fest. Nicht vergessen: Mit einem Meißel die Sicherung zuklopfen, sonst geht, wie Markus ja schon sagte, das Rad verloren... Das wollen wir nicht...
So, der Vollständigkeit halber, das Schadensbild am Lager. Die rehbraunen Kugeln sind ein untrügliches Zeichen für die Beschädigung. Entweder drang Wasser ein oder der Schmierstoff hat versagt oder das Lager wurde überlastet...
Und richtig, wir sehen in der Laufbahn der Kugeln tiefe Löcher

Ich möchte mich an der Stelle noch einmal bei Markus Trompka von der www.suzuki-basis.de bedanken, dass ich mit ihm in der Werkstatt die Reparatur durchführen konnte. Sicher, ist auch was für den ambitionierten Selberbastler, aber ohne das richtige Werkzeug sieht man schon eher etwas alt aus...
Gruß
Eberhard
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